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Naturalismus versus Supernaturalismus II
Vielen Anhängern eines Supernaturalismus leuchtet meine Argumentation nicht ein, und zwar aus folgendem Grund: Wenn eine spirituelle Sphäre jenseits unserer Welt existiert, dann sind die Methoden, die zur Erforschung der natürlichen Welt dienen, doch wohl für diese andere Welt nicht angemessen? Wieso kann ich dann Behauptungen über diese andere Welt anstellen?
Nennen wir die natürliche Welt der Einfachheit halber Diesseits und die spirituelle Sphäre Jenseits (nicht das Reich der Toten, sondern eine Welt jenseits der uns bekannten Welt).
Ich habe im vorigen Abschnitt mit Logik argumentiert, um zu zeigen, dass ein Jenseits für uns nicht existieren kann. Das ist unabhängig von der Logik, unabhängig von der Betrachtungsmethode - was von Anhängern des Supernaturalismus meist übersehen wird, sondern gründet sich auf dem Begriff der ein- oder zweiseitigen Interaktion. Wahrnehmung basiert auf Interaktion, ohne diese gibt es (prinzipiell) keine Wahrnehmung. Ich sehe, weil Photonen von den Objekten ausgestrahlt werden, die Reizimpulse auf meiner Netzhaut erzeugen. Aber lassen wir diese Einwände einen Moment beiseite und nehmen wir an, ein Jenseits existiere tatsächlich, auch unabhängig von unserer Wahrnehmung. Können wir dann Aussagen darüber treffen?
Wenn man behauptet, über dass Jenseits könne man keine Aussagen machen, dann ist das Problem damit erledigt - wir können nur darüber schweigen, damit unterscheidet es sich, von den Aussagen her, auch nicht von Nicht-Existenz. Wenn man behauptet, man könne darüber Aussagen machen, dann müsste man demonstrieren können, dass diese tatsächlich über das Jenseits etwas aussagen. Kann man das nicht zeigen, dann ist dies auch nicht besser, als wenn man keine Aussagen darüber machen könnte.
Wir können zur Illustration wieder eine Fallunterscheidung machen:
- Das Jenseits existiert und wir können sinnvollen Aussagen darüber machen.
- Das Jenseits existiert und wir können keine sinnvollen Aussagen darüber machen.
- Das Jenseits existiert nicht und wir können sinnvollen Aussagen darüber machen.
- Das Jenseits existiert nicht und wir können keine sinnvollen Aussagen darüber machen.
Interessant ist für uns nur der erste Fall, alles andere ist erkennbar unsinnig (wie 3. und 4.) oder uninteressant (Fall 2.). Wenn es also existiert, dann müssen wir uns fragen, wie wir sinnvolle Aussagen machen können. Reichen unsere Sprache und unsere Logik dafür aus? Wie überprüfen wir, ob unsere darüber getroffenen Aussagen auch stimmen? Wenn wir eine neue Sprache und/oder eine neue Logik dafür entwickeln, wie können wir dann zeigen, dass wir etwas Sinnvolles aussagen?
Nun nehmen wir einmal den für uns günstigsten Fall an: Das Jenseits existiert nicht nur, sondern wir können auch noch sinnvolle Aussagen darüber treffen. Diese müssen wir aber auch, damit sie sinnvoll für uns sind, verstehen. Wir müssten also die Aussagen in eine Sprache übersetzen, die für uns verstehbar ist, und in eine Logik, die ebenfalls für uns verstehbar ist. Gelingt dieses Dolmetschen nicht, ist das Jenseits für uns wertlos, die Aussagen sind nur sinnloses Rauschen. Information bewegt sich stets zwischen zwei Polen: Erstmaligkeit und Bestätigung. Reine Erstmaligkeit enthält für uns keine Information, ist nichts weiter als Rauschen. Reine Bestätigung enthält keine neue Information, ist also ebenfalls wertlos. Jede sinnvolle Information bewegt sich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.
Es muss also etwas am Jenseits sein, was uns bekannt und vertraut ist, wo wir mit unserer Denkweise weiter kommen, womit wir etwas anfangen können. Ohne diese Anknüpfungspunkte ist es für uns wie ein Buch in einer vollkommen unverständlichen Sprache. Dasselbe gilt für die logische Nachvollziehbarkeit, auch hier müssten wir (etwa durch Übersetzung in unsere Logik) das Ganze erst verstehbar machen.
In dem Moment, wo es für uns verstehbar und nachvollziehbar ist, oder gar noch überprüfbar, ist es für uns ein Bestandteil unserer natürlichen Welt, mit natürlichen Mitteln zu begreifen. Wenn es nicht Bestandteil der natürlichen Welt ist, entzieht es sich jedem Verständnis. Kant war es, der dies völlig richtig erkannt hat: Wenn es nicht bestimmte angeborene Erkenntnisstrukturen gibt, auf denen sich unsere ganze Erkenntnis aufbaut, dann gibt es auch keine Erkenntnis. Dies beschränkt zugleich unsere Erkenntnis und macht sie möglich. Was Kant nicht wusste, war die Herkunft dieser Erkenntnisstrukturen, die er als a priori (= vor aller Erfahrung) bezeichnete. Wir müssen erst Erfahrungen haben, um weitere Erfahrungen machen zu können. Aus dieser Falle entkommen wir nicht. Diese Grundstrukturen legen fest, was wir überhaupt wissen können (und in welchen Grenzen). Unsere gesamte Erkenntnis ist im Mesokosmos entstanden, unsere Lebens- und Erfahrungswelt. Überschreiten wir diese Welt, versagt bereits unsere Anschauung (wie im Mikro- und Makrokosmos). Wir können unsere eigene Erfahrung nicht transzendieren (= überschreiten). Wir können nur auf dieser Basis aufbauend uns neuere Erkenntnis aneignen, aber nicht, in dem wir unsere Herkunft vergessen.
Daran ändern auch Offenbarungen nichts - entweder können wir sie nicht verstehen, weil sie unsere Erfahrungen überschreiten, oder aber, wir können sie verstehen, dann sind sie Bestandteil unserer Erfahrungswelt und damit auch unserer Logik und unserem Denken zugänglich - und damit auch unserer Kritik.
Wieder einmal sehen wir, dass der Versuch, etwas unserer Kritik zu entziehen, nicht wirklich funktionieren kann. In dem Moment, wo man es doch schafft, wird der nicht-kritisierbare Sachverhalt auch zugleich vollständig inhaltsleer oder sinnfrei. Es steht einem frei, leere Definitionen zu schaffen und sein Leben danach auszurichten, aber damit entzieht man dem Leben Sinn, statt es ihm zu geben.
Die meisten dieser Versuche machen nur scheinbar Sinn. Nehmen wir ein Beispiel: Die Komplexität des Lebens und die Intelligenz, so sagen einige Theisten, sei ohne eine planende und denkende (= intelligente) Wesenheit (Gott) nicht vorstellbar. Damit wird aber vorausgesetzt, was eigentlich erklärt werden sollte, Gott ist nämlich bereits intelligent und komplex, und seine Intelligenz und Komplexität spiegelt sich in der Welt wieder und wird benutzt, um seine Intelligenz und Komplexität zu "beweisen" usw. usf. Das ist eine höchst zirkuläre (und damit sinnfreie) Definition, und sie erklärt keineswegs, woher Intelligenz und Komplexität kommt (denn woher kommt die Intelligenz Gottes?). Zu sagen, diese Intelligenz existiere schon immer, ist keine Erklärung, die Herkunft der Intelligenz bleibt weiterhin schleierhaft, folglich erklärt dies nichts. Wenn wir aber sagen, dass aus einfachen Dingen durch Selbstorganisation und Selbstreproduktion allmählich immer komplexere Dinge entstehen und schließlich sogar Intelligenz, dann haben wir eine echte Erklärung. Dabei können wir aber nicht über bestimmte Grundlagen hinaus zurückblicken.
Wenn man also Intelligenz und Komplexität als von Gott geschaffen ansieht, dann hat man ebenfalls eine leere Definition und keine Erklärung. Es ist sehr schwer, geradezu eine besondere Kunst, nicht-leere Definitionen zu schaffen. Sobald wir uns von den Evidenzen entfernen, geschieht das aber recht schnell.
Bliebe noch zu klären, ob man das Jenseits nicht negativ definieren kann, so wie die Theologen dies bei Gott mit der negativen Theologie versucht haben. Man sagt nicht, was etwas ist, sondern was es nicht ist. Leider führt uns dies nicht weiter, denn normalerweise benutzen wir negative Eigenschaften, um etwas als nicht existierend zu beschreiben. Ein Beispiel:
Gott ist unwandelbar, unbeschreiblich, unsichtbar, unendlich. Dasselbe können wir auch vom Nichts sagen: Das Nichts ist unwandelbar, unbeschreiblich, unsichtbar und unendlich. Eine rein negative Definition ohne positive Eigenschaften definiert Nichtexistenz. Dasselbe passiert, wenn wir es auf das Jenseits anwenden.
Konfusius, er sagt: "Wenn man sinnlose Fragen stellt, dann bekommt man Antworten wie '42' oder 'Gott'."
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