Wunder und Supernaturalismus I
Sehr häufig werden Wunder als Argument ins Feld geführt, wenn es darum geht, die Position der Theisten zu begründen. Auch wenn jemand meine Argumentation in Naturalismus versus Supernaturalismus verstanden hat, werde ich immer wieder auf Wunder angesprochen. "Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind" (Goethe in "Faust 1").
Meistens verwenden Atheisten die Strategie, die Echtheit der Wunder anzuzweifeln. Jedes Mal, wenn Sie Wasser beobachten, welches sich nicht in Wein verwandelt, ist dies eine Evidenz gegen das Wunder von Kana →Johannes 2:1-11. Jedes Mal, wenn es jemandem nicht gelingt, über das Wasser zu gehen, ist dies eine Bestätigung dafür, dass das nicht möglich ist, weil es gegen die Naturgesetze verstößt.
Aber was sind die Naturgesetze überhaupt? Es sind eben keine menschlichen Gesetze, gegen die ein Verstoß "verboten" ist, sondern es sind aus der Beobachtung der Natur abgeleitete Regeln, nach denen die Natur, soweit wir wissen, zu funktionieren scheint. Ab und zu wird irgendwo auf dieser Welt eine Beobachtung gemacht, die nicht mit den uns bekannten Naturgesetzen in Einklang zu bringen ist, wird die Beobachtung verifiziert, dann werden die Naturgesetze an diese neue Beobachtung angepasst. Naturgesetze reflektieren also stets einen momentanen Kenntnisstand über die Natur.
Man müsste also sagen, dass ein Wunder gegen die bekannten Naturgesetze verstößt (und wir kennen längst nicht alle Naturgesetze und haben sicher auch Fehler in dem, was wir kennen). Das bedeutet, dass die Definition eines Wunders von unserem momentanen Wissensstand abhängt - was heute noch ein Wunder ist, kann morgen schon alltäglich sein. Im Mittelalter wären Fernsehen, Telefon und Autos sicher als Wunder betrachtet worden (und wir reden heute noch vom "Wunder der Technik"), heute ist es für uns alltäglich.
Das bedeutet, dass sich die Grenze, was wir für ein Wunder halten, permanent verschiebt. Wenn wir also einem Wunder begegnen, dann können wir nicht wissen, ob es sich um etwas handelt, was wir noch nicht verstehen oder ob es sich um etwas handelt, was wir niemals verstehen werden. Ersteres wäre kein richtiges Wunder, sondern eine unverstandene Erscheinung, letzteres wäre ein "echtes" Wunder. Aber da wir das nicht entscheiden können, ist die Trennung zwischen "unverstandener Erscheinung" und "echtem Wunder" künstlich und nicht nachvollziehbar - wir können diese beiden Dinge nicht unterscheiden, sie sind für uns gleich. Erst wenn man ein Wunder "widerlegt" hat, d. h. es auf natürliche Dinge zurückgeführt hat, dann können wir die Frage "echt oder unverstanden?" lösen - die Antwort kann also nur lauten "früher unverstanden, aber jetzt verstehbar" oder aber es gibt eben keine Antwort. Im Glauben wird gerne auf unbeantwortbare Fragen eine ganz bestimmte (gewünschte) Antwort gegeben, obwohl dies redlicherweise nicht möglich ist, weil die Antwort unbestimmbar ist.
Aber lassen wir dies alles einmal beiseite. Selbst dann können Wunder immer noch nicht als ein Beweis für den Glauben dienen. Warum?
Angenommen, Jesus lief über das Wasser, und wir bestreiten dies nicht, sondern gehen davon aus, dass er das tatsächlich getan hat (kein Betrug, kein Trick, keine Steine im Wasser). Und wir behaupten auch nicht, dass dies in Einklang mit den Naturgesetzen steht, wie wir sie kennen. Was beweist das? Die Theisten sagen, das beweist, dass Gott in das Naturgeschehen eingegriffen hat. Ich hingegen behaupte, dass Jesus ein Freak mit ungewöhnlichen psychischen/physischen Fähigkeiten ist, der eben über Wasser laufen kann. In meiner Erklärung ist kein Gott nötig, wozu auch? Menschen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten kennen wir aus allen möglichen Schilderungen, oft sogar aus der Zeitung oder dem Fernsehen.
Wenn der Theist nun sagt, dass das nicht möglich ist, dass Menschen so etwas tun können, so bestreitet er das Wunder. Wenn das Wunder nicht möglich war, dann ist es auch nicht geschehen. Der Theist widerspricht sich selbst. Wenn es aber möglich war, und wir tatsächlich einen Mann namens Jesus über das Wasser laufen sehen, was sehen wir dann? Wir beobachten einen Mann namens Jesus, der über das Wasser läuft, mehr nicht. Wir sehen keinen Gott, der im Hintergrund eingreift und Jesus dieses Wunder ermöglicht. Neben dem, was wir beobachten, versucht der Theist, uns noch eine weitere Annahme aufzunötigen, die zur Erklärung unserer Beobachtung vollkommen überflüssig ist. Diese Erklärung tut nichts zur Sache dazu, im Gegenteil, sie fügt etwas noch Unerklärliches zu einer an sich schon schwer zu erklärenden Begebenheit hinzu. Der Theist streut zusätzlich Sand in unsere ins Schleudern geratene Erklärungsmaschinerie.
Mit derselben Begründung können wir auch behaupten, die Bewegung der Planeten ist auf das Schieben durch unsichtbare Gespenster zu "erklären". Wir haben hier ebenfalls etwas, was wir beobachten können, um etwas ergänzt, was wir nicht beobachten können. Jeder würde so eine Behauptung als unsinnig zurückweisen, aber nicht anders verfährt der Theist. Jedesmal, wenn wir eine Behauptung hinzufügen, die eigentlich überflüssig ist, müssen wir dieses sehr gut begründen und demonstrieren, warum diese Erklärung nicht überflüssig ist. Da es schwierig ist, so etwas zu begründen, sollte man es besser bleiben lassen, außer, man hat wirklich sehr, sehr gute Gründe dafür - aber dies kann der Theist nicht vorbringen, weil er ja noch nicht einmal die Existenz Gottes bewiesen hat. Mit unbewiesenen Annahmen können wir beliebige Dinge erklären, wenn der Theist das darf, darf ich das ebenfalls - und kann damit jede seiner Annahmen ad absurdum führen. Im Abschnitt über Wahrscheinlichkeit und schwarze Räume hatte ich eine statistische Begründung für Ockhams Rasiermesser geliefert, hier kann man sehen, dass es dafür noch weitere Gründe gibt.
Es spielt auch keine Rolle, ob das Wunder wiederholbar ist oder nicht. Wenn es nicht wiederholbar ist, dann haben wir gute Gründe zur Annahme, dass es durch uns unbekannte natürliche Ereignisse zu Stande kam. Wenn es wiederholbar ist, sehen wir immer noch keinen Gott, sondern Ereignisse, die unserem Verständnis der Natur widersprechen, was uns dazu nötigt, unser Verständnis der Natur anzupassen (und nicht umgekehrt, wie der Theist gerne möchte).
Deswegen ist es nicht möglich, Wunder als Bestätigung für Gott anzusehen. Wunder bestätigen lediglich, dass wir die Natur noch nicht vollständig verstanden haben, das aber ist überhaupt keine überraschende Erkenntnis, sondern ein nicht zu bestreitendes Faktum.
Theologen möchten sich gerne einen Sonderstatus zusprechen, der es ihnen ermöglicht, beliebige unbewiesene (oder gar unbeweisbare) Annahmen in ihre "Erklärungen" einzuschleusen. Aber da sie Menschen wie wir auch sind, warum sollten wir ihnen das zubilligen? Und wenn wir es ihnen zubilligen, warum dürfen wir das dann nicht genauso handhaben? Dann können wir nämlich jede Behauptung eines Theisten einfach mit der Behauptung des Gegenteils aufheben, und nichts wäre gewonnen. Und jeden Grund, den ein Theist dafür anführt, warum er so verfahren darf, können wir auch für uns nutzen. Dann können wir uns gegenseitig mit Absurditäten überbieten, das mag seinen Sinn haben, wenn wir einen Fantasy-Film drehen, aber nicht, wenn wir uns mit der Realität beschäftigen.
Es gibt aber einige gute Gründe, Wunder überhaupt zurückzuweisen. Und damit beschäftigen wir uns als Nächstes.
Konfusius, er zitiert: "Es ist erbärmlich anzusehen, wie die Menschen nach Wundern schnappen, um nur in ihrem Unsinn und Albernheiten beharren zu dürfen und sich gegen die Obermacht des Menschenverstandes und der Vernunft wehren zu können." (Johann Wolfgang von Goethe)
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