Theologische Taschenspielertricks, Teil IV

Wer in einer Diskussion versucht, die rationalen Standards zu senken, verrät Schlimmeres über seine Überzeugungen, als ihm lieb sein kann.
Inhaltsverzeichnis:

      Die zehn Verbote
      1. Du sollst keine Logik neben meiner Bedarfslogik haben
      2. Du sollst das, was ich über Gott sage, nicht in Deinen Argumenten missbrauchen (gegen mich verwenden)
      3. Du sollst auch als heilig betrachten, was ich heilige
      4. Du sollst meine Autoritäten ehren
      5. Du sollst meine Argumente nicht killen (Gegenargumente äußern)
      6. Du sollst Dich nicht erbrechen, in dem Du Humor benutzt
      7. Du sollst mir nicht die Logik stehlen, denn die hat Gott erst geschaffen
      8. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider meinem nächsten Argument
      9. Du sollst nicht begehren, Recht zu behalten
      10. Du sollst nicht aufbegehren gegen falsche Anschuldigungen, Hitler-Vergleiche, Unterstellungen, und was mir sonst noch so einfällt

 

Die zehn Verbote

Die zehn Verbote sind das, was von Gläubigen den Atheisten in einer Diskussion auferlegt wird. Diese sind wie folgt:

 

1. Du sollst keine Logik neben meiner Bedarfslogik haben

Denn wenn Du mit der (»Deiner«) ↑Logik kommst, dann versuchst Du mir, in einer Diskussion etwas aufzuzwingen, was ich verabscheue. Und das ist intolerant, fundamentalistisch, und gehört sich nicht!

Warum? Darum! Denn sonst könne ich eine Diskussion verlieren, und das wird mir noch Leid tun!

Logik ist die Basis zivilisierter Diskussionen. Die Alternative dazu ist, andere Menschen mit Gewalt zu überzeugen, oder gar Humor (siehe 6. Verbot). Natürlich benutzt auch ein Gläubiger ↑Logik – sofern dies seinen Zwecken dienlich ist, ansonsten setzt er sie außer Kraft, wann immer es ihm beliebt.

 

2. Du sollst das, was ich über Gott sage, nicht in Deinen Argumenten missbrauchen (gegen mich verwenden)

Was immer auch über Gott gesagt wird, darfst Du, Atheist, nicht in Argumenten verhackstücken. Wenn etwa im Glaubensbekenntnis zweimal erwähnt wird, dass Gott allmächtig  ist, dann gilt das nicht, wenn ich sage, dass es nicht gilt.

 

3. Du sollst auch als heilig betrachten, was ich heilige

Denn alles andere ist intolerant. Ein Gläubiger muss nur etwas für »heilig« deklarieren, schon ist Kritik dagegen (oder gar Humor) strikt verboten. Damit kann man nach Belieben Teile jeder Kritik entziehen – umgekehrt darf ein Atheist das natürlich nicht, das versteht sich doch von selbst, oder?

 

4. Du sollst meine Autoritäten ehren

Wenn ich als Gläubiger eine Autorität zitiere, dann hast Du das gefälligst so zu akzeptieren! Denn Autoritäten, die zufällig meiner Meinung sind, haben immer recht. Deine Autoritäten sind Atheisten, und die kannst Du nicht heranziehen. Weil ich das nicht mag, deswegen.

 

5. Du sollst meine Argumente nicht killen (Gegenargumente äußern)

Gegenargumente zu äußern ist eine Form der Intoleranz. Außerdem stehe ich dumm da, wenn ich darauf keine intelligente Antwort weiß, und Du darfst mich nicht für dumm erklären, gleichgültig, was immer ich auch sage. Weil ich mich dann ganz doll beleidigt fühle.

 

6. Du sollst Dich nicht erbrechen, in dem Du Humor benutzt

Humor geht überhaupt nicht. Das ist eine unfaire Taktik. Warum? Weil ich nichts habe, was ich dagegen setzen kann. Aber als Gläubiger darf ich mich jederzeit über den ↑Atheismus lustig machen, sobald mir nur eine Woche später dazu etwas Schlagfertiges einfällt.

 

7. Du sollst mir nicht die Logik stehlen, denn die hat Gott erst geschaffen

Das ist etwas, was sog. »Präsuppositionalisten« gerne verwenden. Zwar kann ein Allwissender nichts Neues schaffen, denn er kennt schon alles – aber Hoppla, da verwendet jemand ↑Logik gegen  Gott, und das geht nicht, weil Gott über der ↑Logik steht (ich mich über so etwas erhaben fühle).

 

8. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider meinem nächsten Argument

Ein Atheist muss alles beweisen, auch, wenn ein Gläubiger Beweise gegen das, was er sagt, prinzipiell nicht anerkennt. Ein Gläubiger hingegen, für den reicht es aus, etwas zu behaupten, es ist ungehörig, da nach »Beweisen« zu fragen. Da ein Atheist keine Beweise hat, für das, was er sagt (jedenfalls keine, die ein Gläubiger anerkennt), ist er automatisch im Unrecht und glaubt ja doch auch nur. Er kann ja seine eigenen Beweise nicht anerkennen, wenn ich es nicht tue!

Ein Atheist müsste Beweise haben für das, was er sagt, aber da ich sage, dass er keine hat, hat er keine. Schachmatt, Du Schwachmat!

 

9. Du sollst nicht begehren, Recht zu behalten

Denke nicht einmal daran, etwas Fundiertes gegen meine Überzeugungen zu sagen. Denn das ist missionarischer ↑Atheismus, nichts weiter.

 

10. Du sollst nicht aufbegehren gegen falsche Anschuldigungen, Hitler-Vergleiche, Unterstellungen, und was mir sonst noch so einfällt

»Hitler war ein Atheist!« – »Atheisten glauben an den Zufall!« – »Atheisten haben keine Moral!« – »Atheisten haben keinen Sinn im Leben!« – »Atheisten glauben auch nur!« – »↑Atheismus ist auch nur eine Religion!« – gegen alle diese wahren Behauptungen sollte man nichts sagen.

Aber Scherz beiseite – nicht alle Christen sind so. Trotzdem wird man in Diskussionen mit mehreren Christen einige dieser »Verbote« wiederfinden. So ist es etwa ein »Argument«, wenn ein Gläubiger sein subjektives Befinden äußert, etwa sagt »Ich habe Gott gespürt«. Wenn der Atheist sich seinerseits auf seine Subjektivität beruft, etwa »Ich spüre keinen Gott«, dann ist er blind, »religiös unmusikalisch«, lehnt Gott ab, hasst ihn gar, etc. pp.

Die klassische ↑Logik in Diskussionen ist dadurch entstanden, dass man gewisse Diskussionsregeln bemerkt, anhand derer eine Debatte fruchtbar verläuft, und in Scharmützel ausartet, wenn man es nicht tut. ↑Logik ist eine Anleitung dazu, wie man aufgrund neuer Informationen und Argumente seine Meinung ändert. Gott verhüte, dass dies einem Gläubigen passiert!

Logik ist eine Frage der Fairness in einer Diskussion: Dieselben, über lange Jahrhunderte etablierte Regeln, sollen für alle gelten. Niemand würde ein Fußballspiel gegen eine Mannschaft spielen, die es sich vorbehält, nach Bedarf die Regeln zu ändern. Aber just das erwarten einige Gläubige von uns Atheisten, dass wir das bei ihnen akzeptieren. Natürlich würde es ihnen nicht einfallen, das umgekehrt anzunehmen, denn dann ist der Atheist schlicht unlogisch.

Anderen eine Überzeugung auszureden, ist für einen Christen eine selbstverständlich erlaubte Tätigkeit der Mission, aber wenn ein Atheist dasselbe versucht, ist es intolerante Missionierung. Allerdings kenne ich kein Argument dagegen, warum Atheisten nicht auch missionieren sollten – wenn jemand eines hat, würde ich es gerne wissen. Ansonsten heißt es, dass man Gleiches nicht mit Gleichem vergelten sollte.



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