Glauben ist oft ein Ausdruck der Angst vor der Wahrheit.
Inhaltsverzeichnis:

      Funktion der Weltsicht
      Das Unterbewusstsein
      Erkenntnis als Schock
      Die Angstabwehrmechanismen
         Bezug der Angstabwehrmechanismen zur Religion

 

Funktion der Weltsicht

Wir benötigen eine Weltsicht, um uns mit der Welt auseinanderzusetzen. Dieses Weltbild ist ein Interpretationsmuster, welches wir der Welt überstülpen, um fehlende Informationen zu ergänzen. Menschen sind großartige Mustererkenner – selbst wenn wir wahllos Tinte auf ein Blatt Papier spritzen, sehen wir immer noch ein uns sinnvoll erscheinendes Muster. Wir können Muster selbst unter schlechtesten Verhältnissen erkennen, auch wenn dies manchmal zu Fehlinterpretationen führt. Jeder von uns hat in der Dunkelheit deswegen schon mal einen Menschen oder einen Hund gesehen, wo keiner war. Weil wir eine ähnliche Form, eine Gestalt, erkannt haben. Wir projizieren unsere Kenntnisse in die Welt – so sehen wir die Welt immer konsistent mit unserer Erfahrung. Nur sehr auffällige Muster werden bei erstmaligem Auftreten als »fremd« erkannt.

Dieser Mechanismus der Interpretation durch Projektion  geschieht vorbewusst. Wir müssen unser Bewusstsein nicht aktiv steuern, um sinnvolle Muster zu erkennen. Unsere Wahrnehmung durchläuft eine Reihe von recht komplexen Filterregeln und wird uns erst dann bewusst. Der Sinn einer vorbewussten Informationsverarbeitung liegt in der höheren Geschwindigkeit, bewusstes Verarbeiten und Erkennen sind oft zu langsam. Sie können das daran erkennen, dass Sie manchmal schon zusammenzucken oder erschrecken, bevor Ihnen klar ist, warum.

 

Das Unterbewusstsein

Kompliziert wird das Ganze durch einen weiteren Einflussfaktor: das Unterbewusstsein. Dieses muss man unterscheiden vom Unbewussten, noch-nicht-Bewussten oder Vorbewussten. Ich möchte zunächst noch keine genaue Definition liefern, sondern nur beschreiben, wie Sigmund Freud das Unterbewusstsein entdeckte:

Auf einem Ärztekongress wurden Experimente mit Hypnose gezeigt, besonders mit posthypnotischen Befehlen. Das sind Befehle, die während der Trance dem Patienten einsuggeriert werden, die aber erst nach dem Erwachen wirksam wurden. Das Verblüffende daran war, dass wenn die Versuchsperson den Befehl ausführte, und man sie nach dem »Warum?« fragte, dass man immer eine rational plausible Erklärung für das Verhalten bekam. Die Versuchsperson war von dieser Erläuterung überzeugt – aber sie war immer falsch! Keiner erklärte, dass er das getan hatte, weil er einen Befehl in der Hypnose bekam, sondern erfand einen Grund. Anders gesagt: Im Menschen musste eine Instanz existieren, die sie zum Handeln veranlassen konnte, ohne dass den Leuten die wahren Gründe für die Handlungen bewusst wurden. Diese Instanz bezeichnete Sigmund Freud als »das Unterbewusstsein«.

Die Frage, die sich erhebt: Ist eventuell ein Teil oder sogar ein großer Teil unserer Handlungen vom Unterbewusstsein gesteuert? Täuschen wir uns selbst über die wahren Gründe unserer Handlungen hinweg? Und diese Frage muss man bejahen. Wie weit dieser Einfluss geht, ist aber schwer zu sagen und schwankt im Einzelfall, ist sogar von der Tagesform des Einzelnen abhängig. Inzwischen kann man messtechnisch nachweisen, dass wir Handeln, dass aber erst nach der Handlung derjenige Gehirnteil aktiv wird, der für die rationale Erklärung zuständig ist.

 

Erkenntnis als Schock

Die Erkenntnis war ein herber Schock für die Menschheit. Zunächst war der Mensch aus dem Zentrum des Universums verdrängt worden (von Kopernikus), dann reihte man die Tierwelt in seine Ahnengalerie ein (Darwin). Schließlich erklärte man, dass er nicht einmal Herr im eigenen Haus sei (Freud)! Und bei jedem Mal fühlte sich die christliche Religion (bzw. ein Teil ihrer Vertreter) herausgefordert und bekämpfte diesen Fortschritt der Erkenntnis, den man als Rückschritt in der Religion ansah. Der Widerstand gegen Kopernikus hat nachgelassen, aber Darwin und Freud werden noch heute bekämpft. Hinzu kam noch erschwerend, dass sowohl Darwin als auch Freud natürliche  Erklärungen für etwas liefern konnten, welches man für die ureigene Domäne der religiösen  »Erkenntnis« hielt.

Die Entdeckung des Unterbewusstseins ist aber nicht die wesentliche Leistung von Freud, denn auf diese Idee waren auch schon Andere gekommen. Was ich für viel entscheidender halte, ist die Entdeckung der Angstabwehrmechanismen. Bei diesen handelt es sich um eine organisierte Abwehr des Ich gegen Angst. Angst ist sowohl eine starke als auch eine überwiegende negativ  empfundene Emotion. Angst ist notwendig zur Bewältigung von Gefahren, aber zu viel Angst wirkt lähmend und kann damit genau diese Überwindung verhindern. Deswegen muss es eine Methode geben, zu viel Angst zu kompensieren, auszugleichen oder »wegzudrücken«.

 

Die Angstabwehrmechanismen

Folgende Methoden dazu sind bekannt (Systematisierung nach Anna Freud _1_):

Rationalisierung: Damit bezeichnet man das nachträgliche Begründen einer Handlung durch die Vernunft, obwohl der ursprüngliche Grund ein ganz anderer (meist unbewusster Art) war. Dies wird bei dem Hypnose-Beispiel weiter oben besonders deutlich, hier wurde das Mittel der Rationalisierung  benutzt, um das eigene Verhalten zu erklären. Denn zu handeln, ohne eine Erklärung dafür zu haben, löst unmittelbar Angst aus und unmittelbar das Bedürfnis, dafür plausible Gründe zu haben  _2_. Wir finden diesen Mechanismus z. B. in der christlichen Idee, eine »Grundlage« für die eigene Moral zu haben.

Verdrängung (Nicht im Sinne einer Triebunterdrückung): Verdrängung ähnelt sehr dem Vergessen. Vergessen geschieht jedoch passiv, Verdrängung ist aktiv : Teile der Erkenntnis des Ich werden in das Unterbewusstsein verschoben, also unterdrückt. Diese Unterdrückung wird aktiv aufrecht erhalten, kostet also permanent Energie – sonst kommt es zur »Wiederkehr des Verdrängten« und damit zu Angst. Vergessen hingegen erfordert kaum Anstrengung. Der Gedanke an den Tod lässt sich beispielsweise leichter verdrängen, wenn man an ein ewiges Leben glaubt.

Reaktionsbildung: Dies geschieht vor allem bei ambivalenten (= zwiespältigen) Haltungen, z. B. Zärtlichkeit und Zuneigung versus Grausamkeit und Sadismus. Da die letzteren Gefühlsregungen negativ sind und Angst auslösen, werden sie durch Überbetonung des Gegenteils z. B. gegenüber Tieren (die dann besonders geliebt werden) »im Zaum gehalten« und die Regungen zu unterdrücken und damit gleichsam zu kontrollieren. Im Christentum betont man z. B. die Idee der Nächstenliebe, die man zwar nicht mehr oder weniger praktiziert als alle anderen Menschen auch. Man spricht der Idee aber eine besondere Wirkung zu, um damit seine eigenen Gefühle besser unterdrücken zu können.

Isolierung (eines Affekts): Wenn zu einer Erinnerung aus der Vergangenheit eine sehr starke Emotion gehört, so kann man sich diese Erinnerung sehr viel leichter bewusst machen. Wenn dieses Gefühl schmerzhaft ist, dann kann diese von der Erinnerung »isoliert« werden. Beispiel: jemand erzählt vom Tod seiner Mutter, empfindet dabei jedoch »nichts«). Dies kann auch durch eine Art »Black-out« geschehen, einen kurzen Moment der Leere. Damit wird dann der Impuls gleichsam isoliert, es gibt keine Assoziation zu der Emotion mehr.

Ungeschehenmachen: Eine Handlung oder ein Wunsch oder eine Fantasie wird durch eine spätere Handlung quasi »aufgehoben«. Das klassische Beispiel: Ein kleines Kind schlägt seinen Bruder und gibt im nachher einen Kuss – damit wird der Hass auf den Bruder »ungeschehen« gemacht. So können sich wahre Rituale des Ungeschehenmachens herausbilden (Opferrituale z. B.). Wir finden dies im Kern der christlichen ↑Ideologie: Opferung eines Gottes, um die Folgen der Handlung der »ersten Menschen« ungeschehen zu machen.

Verleugnung: Dies geschieht im ursprünglichen Sinn durch Blockierung bestimmter Sinneseindrücke oder durch eine Uminterpretation der Realität. Die Blockierung wird meist durch eine Verringerung der Aufmerksamkeit erzielt, die Uminterpretation durch Fantasie. Bei Kindern finden wir dies oft in den sog. »Omnipotenzfantasien«, mit denen die eigene Schwäche verleugnet wird, z. B. der Vorstellung, Superman zu sein und daher keine Angst haben zu müssen. Oder man erfindet einen »unsichtbaren Freund«, der einen beschützt.

Projektion (hier im engeren Sinne als oben verwendet): Eigene Wünsche oder Antriebe werden einer anderen Person oder sogar Gegenständen der Außenwelt zugeschrieben. Beispiel: Ein unter Verfolgungswahn leidender projiziert seine eigenen gewalttätigen Impulse nach außen und behauptet, der Geheimdienst oder Kommunisten oder Nachbarn oder Außerirdische etc. bedrohten sein Leben. Das ist ein Extrembeispiel, aber Projektion tritt auch bei »normalen« Menschen auf. Besonders Vorurteile entspringen der Fantasie, wir neigen häufig dazu, eigene nicht akzeptierte Wünsche oder Impulse auf Minderheiten zu projizieren.

Wendung gegen das Selbst: Wenn eigene Impulse nicht nach außen gehen können, dann wird dieser Impuls gegen das eigene Selbst gerichtet, z. B. bei der Autoaggression: Ein Kind empfindet Zorn gegen jemanden, schlägt aber sich selbst, weil es nicht wagt, diesen Zorn der eigentlichen Zielperson gegenüber zu zeigen. Es identifiziert sich mit der Zielperson: »Ich bin er – und so werde ich ihn schlagen«! Wir finden dies beispielsweise in der christlichen Vorstellung, selbst für Ungemach in dieser Welt zu sühnen (sog. »Sühneseelen«).

Introjektion oder Einverleibung: Dies ähnelt sehr der Identifizierung. Man stellt sich (unbewusst) vor, die Person, mit der man sich identifiziert, aufzuessen oder von ihr aufgegessen zu werden. Weniger drastisch kann man auch die Meinung einer anderen Person durch Identifikation übernehmen, um so zu sein wie der Andere und damit z. B. aggressive Impulse »niederzuringen«. Wir finden Formen dieser Einverleibung in der Eucharistie  der katholischen Messe wieder.

Regression: Dies ist ein Rückfall in der Entwicklungsphase, wenn es auf der aktuellen Stufe zu Konflikten kommt. Ein typisches Beispiel: Ein älteres Kind nässt wieder ein, weil ein jüngeres Geschwisterkind geboren wurde, und es nicht mehr die gewünschte Aufmerksamkeit bekommt – dies geschieht meist unbewusst. Wer denkt da nicht an Jesus, der gesagt haben soll, man müsse wie die Kinder werden?

 

Bezug der Angstabwehrmechanismen zur Religion

Dieser Ausflug in die »Welt« der Angstabwehrmechanismen war nötig, um die Entstehung bestimmter religiöser Vorstellungen erklären zu können. Tatsächlich werden Sie in vielen Handlungen der Religion diese Mechanismen als »alte Bekannte« wiedererkennen. Die Angstabwehrmechanismen  gehören insofern zu den Denkfehlern, weil es sich immer um kognitive Verzerrungen der eigenen Wahrnehmung und/oder des Denkens handelt.

Angst als die Grundlage eines Weltbildes zu nehmen ist immer eine schlechte Idee.

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Religion, wird häufig als Mittel verwandt, Schuldgefühle zu erzeugen und dadurch Verhalten zu manipulieren. Hier ist gewöhnlich Gott derjenige, den Sie enttäuscht haben. In manchen Fällen lautet die Botschaft, dass Sie nicht in den Himmel kommen, weil Sie sich gegen bestimmte Gebote versündigt haben.

Wayne W. Dyer

1. Sie war die Tochter von Sigmund Freud. Zurück zu 1

2. Die Wirksamkeit dieses unbewussten Mechanismus kann man besonders dann sehen, wenn man Menschen Elektroden in das Gehirn pflanzt, mit denen man ein Verhalten auslösen kann. Obwohl die Menschen das wissen, obwohl das Verhalten vom Versuchsleiter per Funk ursächlich ausgelöst wurde, werden sie immer eine plausible Erklärung zur Hand haben, warum sie sich so verhalten haben, in der weder Elektroden noch Versuchsleiter eine Rolle spielen. Zurück zu 2


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